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Vom Wettstreit der Sinnesfunktionen

Die Sprache fuhr hinaus, verbrachte ein Jahr in der Ferne, kehrte zurück und sprach:
"Wie konntet ihr ohne mich leben?"
"Wie die Stummen, nicht redend, mit dem Atem atmend, mit dem Auge sehend, mit dem Ohr hörend, mit dem

Verstand denkend."
Da begab sich die Sprache wieder hinein. So geschieht es auch mit dem Gesichtsinn (Blindheit), dem Gehör (Taubheit) und dem Verstand. Das Denken fährt nach oben hinaus, weilt ein Jahr in der Fremde und spricht:

"Wie konntet ihr ohne mich leben?"

"Wie Kleinkinder ohne Verstand, doch mit Atem atmend, der Sprache redend, dem Auge sehend, dem Ohr hörend."

Da fuhr der Verstand wieder ein. Da wollte nun der Atem nach oben ausfahren. Wie ein edles Ross an den Pflöcken seiner Fußfesseln reißen würde, so riss er da an den anderen Lebensfunktionen. Da kamen sie gemeinsam zu ihm und sprachen:
"Erhabener, bleibe, du bist der Vorzüglichste von uns, fahre nicht nach oben aus!"

 

Eine altbrahmanische Legende vom Wettstreit der Sinnesfunktionen überliefert in der Chandogya-Upanishad in der Zeit 650 vor Christus