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Satya-Yoga Aufbau-Ausbildung 1. Tag: Yoga-Praxis und Philosophie

Am Samstagmorgen begann die Satya-Yoga Aufbau-Ausbildung mit zwei Stunden intensiver Yoga-Praxis. Wie wohltuend, einfach nur Teilnehmerin zu sein, die ganze Verantwortung loszulassen. Andrea Hanhart-Ströer, Satya Yoga-Lehrerin, -Therapeutin und Dozentin für Yoga-Lehrende, ließ mich sanft ankommen - im Körper, im Geist, im Herzen, im Sein.

Yoga-Philosophie
Nach der Yoga-Praxis und anschließenden Übungen zum Kennenlernen beschäftigten wir uns nachmittags unter der Leitung von Nicole Bellaire , Psychologin, Satya Yogalehrerin und Dozentin für Yoga-Lehrende, mit der Yoga-Philosophie, wie sie vor allem in der kleinen Abhandlung des Patanjali, den Yoga-Sutren, und ihren Kommentaren dargelegt ist – auch dies eine wohltuende Erfahrung, denn nur selten besteht die Möglichkeit, sich mit so vielen Menschen über den spirituellen und philosophischen Hintergrund der Yoga-Praxis auszutauschen, der bedauerlicherweise in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr vernachlässigt wird (siehe dazu auch meinen Lexikon-Eintrag zum "Yoga" auf dem ganzheitlichen Gesundheitsportal Heilnetz.de). Im Folgenden fasse ich unsere gemeinsame Arbeit an der Philosophie des Yoga unter Berücksichtigung eigener Recherchen zusammen.

Einfluss der Veden und Upanishaden auf das Yoga-Sutra
Mit dem Yoga-Sutra des Patanjali nimmt nach allgemeiner Auffassung die klassische Yoga-Tradition ihren Anfang. Wesentliche Grundgedanken der Yoga-Sutren finden sich aber bereits in den Upanishaden, die - historisch gesehen - den jüngsten Teil der Veden (auch: Veda, Vedanta) ausmachen. Die Veden  (5. bis 1. Jahrtausend v. Chr.) zählen zu den ältesten überlieferten Texten der indoeuropäischen Sprachfamilie. Sie gelten als reines göttliches Wissen, das nicht von Menschen, sondern vom Schöpfergott Brahman selbst verfasst wurde.

Die Upanishaden enthalten tiefgehende Antworten auf existentielle Fragen wie die nach dem Sinn des Lebens, dem Tod und der Wiedergeburt. Diesen philosophischen Abhandlungen kommt als Quellentexte besondere Bedeutung für den Yoga zu, auch wenn Begriffe wie Yoga oder Yogin in ihrer technischen Form in den Upanishaden  noch nicht zu finden sind.  Bei archive.org stehen die Sechzig Upanishad's des Veda, übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Dr. Paul Deussen als E-Book in diversen Formaten zum kostenfreien Download zur Verfügung.


In den Veden  werden Konzepte dargelegt, die später im Yoga eine bedeutende Rolle spielen wie prana und apana, das Prinzip der Lebensenergie, oder die Wissenschaft des pranava  (pranavavidya), das heilige Wort OM, dessen Klang als der Name des Schöpfergottes Brahman gilt. Daneben bezeichnet der Begriff atman die dem Menschen innewohnende göttliche Natur, das sogenannte Selbst. Atman und Brahman sind eins.

In der jüngsten Upanishade, der Katha Upanishade (auch: Kathaka), welche die Belehrungen des Totengotts Yama enthält, taucht der Begriff Yoga  erstmals als ein Mittel zur Beherrschung von Sinnen, Gedanken und Gefühlen auf:
"Wunschlos die Sinne, die Strömungen der Gedanken und Gefühle angehalten, das Herz voll Frieden - dies ist der höchste Stand, Yoga ist er genannt."

Diese Definition entspricht der von Patanjali  in den Yoga-Sutren:
„Yoga ist das zur Ruhe bringen der Geistesbewegungen.“  (Yoga-Sutra Vers 1.2, Yogas Chitta Vritti Nirodah)

Klassiker des Yoga - Die Bhagavad Gita und das Yoga-Sutra
Bis heute gelten neben den Upanishaden, die Bhagavad Gita und die Yoga-Sutren von Patanjali  als die Klassiker des Yoga. Die Bhagavad Gita, der Gesang des Erhabenen, nimmt einen geringfügigen Teil des großen indischen Epos Mahabharata ein, das im Hinduismus wurzelt und mit seinen insgesamt 100.000 Strophen vermutlich um 200 v. Chr. niedergeschrieben wurde. Eine kostenfreie E-Book-Version (Kindle, EPUP, PDF) des Mahabharata
in deutscher Übersetzung, Buch 1-18, kannst du dir auf der werbefreien Webseite Pushpak kostenfrei downloaden. Im Bhagavad Gita kommt der yogischen Tradition erstmals eine triumphale Bedeutung zu. Auf der Webseite der Universitätsbliothek München steht die komplette Ausgabe der Bhagavad Gita übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Michael von Brück, 1993 im Kösel Verlag erschienen, als PDF-Datei (31 MB) zum kostenfreien Download zur Verfügung.


Das Yoga-Sutra und der achtgliedrige Pfad des Patanjali
Das klassisch-philosophische Yoga, das auf den Yoga-Sutren des indischen Gelehrten Patanjali  beruht, entsteht zwischen dem 2. Jahrhundert vor und dem 4. Jahrhundert nach Chr. Das kleine Lehrbuch fasst in kurzen Merksprüchen (Sutren) ältere und zeitgenössische Yoga-Lehren zusammen. Der in vier Kapiteln unterteilte Text enthält insgesamt 195 Sutren.

Um das Ziel des Yoga, die Erkenntnis des wahren Selbst, des unveränderlichen Wesenskerns des Menschen, zu erreichen, beschreibt Patanjali im zweiten Kapitel der Yoga-Sutren den achtgliedrigen Yoga-Pfad (astanga-Yoga) unter Angabe bestimmter Methoden und Techniken. Astanga-Yoga wird in Indien auch als Raya-Yoga, der "königliche Yoga" bezeichnet.

Der achtgliedrige Pfad des Yoga stellt eine Art Verhaltenskodex dar, in dem folgende acht Aspekte aufgelistet werden, die sowohl als Stufen als auch als parallele Glieder aufgefasst werden können:

1. Yama (Enthaltung, Selbstkontrolle) - Umgang mit der Umwelt
Patanjali beschreibt insgesamt fünf Yamas, allgemeine Verhaltensregeln des Hindus im Umgang mit der äußeren Welt: Ahimsa  (Gewaltlosigkeit), Satya  (Wahrhaftigkeit, Wahrheit), Asteya  (Nicht-Diebstahl), Brahmacharya  (auf das Wesentliche, das Göttliche abzielend) und Aparigraha  (Nicht-Besitzergreifen).
2. Niyama (Einschränkung) - Umgang mit sich selbst
Die Niyamas  beschreiben fünf Verhaltensregeln des Hindus im Umgang mit sich selbst: Sauca  (innere und äußere Reinheit), Samtosa  (Genügsamkeit, Zufriedenheit), Tapas  (Achtsamkeit, Ausdauer, Disziplin im Umgang mit dem Körper), Svadhyaya  (Selbstreflexion) und Ishvarapranidhana  (Hingabe an Gott).
3. Asana – Körperhaltung
4. Pranayama - Zusammenführung von Körper und Geist mittels Atemübungen
5. Pratayahara - Disziplinierung der Sinne
6. Dharana – Konzentration
7. Dhyana – Meditation
8. Samadhi – die Versenkung

 

Yoga und Buddhismus
In diesem Zusammenhang stellte sich uns die Frage, ob der achtgliedrige Pfad des Patanjali  Parallelen zum Edlen Achtfachen Pfad  des Buddhismus aufweise.


Der Edle Achtfache Pfad  des Buddhismus (auch: achtgliedriger Pfad), zu finden im Pali-Kanon  (Lehrreden des Buddha, niedergeschrieben zwischen 89 – 77 v. Chr.), gliedert sich wie folgt:

1. Rechte Ansicht
2. Rechte Absicht
3. Rechte Rede
4. Rechtes Handeln
5. Rechter Lebenserwerb
6. Rechte Anstrengung
7. Rechte Achtsamkeit
8. Rechte Meditation

Der Edle Achtfache Pfad  ist die vierte der Vier Edlen Wahrheiten  des Buddha  und bildet das Zentrum buddhistischer Ethik. Er leitet an zur Versenkung, zum Erwachen (Nibbāna) und wird von allen buddhistischen Traditionen als wesentlicher Lehrinhalt anerkannt.

Sowohl der Achtgliedrige Pfad  des Patanjali  als auch der Edle Achtfache Pfad  im Buddhismus sind in Indien begründet und beinhalten ethisches Verhalten und spezielle Praktiken, um zum höchsten Ziel, zur Erleuchtung zu gelangen - eine der offensichtlichen Gemeinsamkeiten der beiden Systeme.

Da der Entstehungszeitraum der Yoga-Sutren  nicht eindeutig festgelegt werden kann und zudem diskutiert wird, ob das Werk nicht nur von Patanjali, sondern von mehreren Personen verfasst wurde, kann nur darüber spekuliert werden, welches System jeweils das andere beeinflusste. Einige Yoga-Experten wie beispielsweise Chip Hartranft vermuten, dass der Achtfache Pfad  im Buddhismus den Patanjali Yoga  stark geprägt habe. Andere wiederum behaupten das Gegenteil.

Abschließend möchte ich mich bei Andrea, Nicole und allen Teilnehmer*innen für diesen erfüllenden ersten Tag meiner Ausbildung bedanken.